Bab al-Wastani ist das einzige erhaltene mittelalterliche Stadttor Bagdads aus der Zeit der Abbasiden im 12. Jahrhundert. Die Festungsanlage in Rusafa umfasst eine massive zylindrische Ziegelbastion, Grabenbrücken und historische Steinreliefs.
Einst war Bagdad von einem mächtigen Ring aus Verteidigungsmauern, Ziegelwällen und befestigten Toren umgeben. Heute ist von diesem östlichen Mauerring nur noch ein einziges mittelalterliches Stadttor erhalten: Bab al-Wastani. Das Tor wurde im 12. Jahrhundert während des späten Abbasiden-Kalifats erbaut und steht im Stadtteil Rusafa auf dem Ostufer des Tigris. Historisch als Bab al-Dhafariyya und Bab Khorasan bekannt, bewahrt es einen wuchtigen runden Bastionsturm, gewölbte Ziegelbrücken, Grabenböschungen und kunstvolle Steinreliefs.
Autofahrer auf der Hochstraße Muhammad al-Qassim können den runden Backsteinturm über den umliegenden Dächern aufragen sehen. Auf Straßenniveau offenbart das Tor eine durchdachte abbasidische Verteidigungsarchitektur, die Kavallerieangriffe abwehren und Belagerungsmaschinen standhalten sollte, während sie gleichzeitig den täglichen Verkehr in die Hauptstadt bewältigte.

Ursprung und die abbasidische Verteidigungsmauer
In der frühen Abbasidenzeit wuchs Bagdad ausgehend von der Runden Stadt des Kalifen al-Mansur, die 762 n. Chr. am Westufer des Tigris gegründet worden war. Bis zum späten 11. Jahrhundert hatte sich das politische und wirtschaftliche Zentrum der Hauptstadt über den Fluss nach Rusafa am Ostufer verlagert. Beduinenüberfälle, regionale Unruhen und feindliche Truppen machten die unbefestigten östlichen Vororte verwundbar, was die Kalifen dazu veranlasste, eine Schutzmauer um Rusafa zu errichten.
Kalif al-Mustazhir, der von 1094 bis 1118 n. Chr. regierte, plante eine umfassende Stadtmauer um Rusafa mit einem tiefen Graben und befestigten Toren. Die Bauarbeiten wurden unter seinem Nachfolger Kalif al-Mustarshid um 1121 n. Chr. fortgeführt, wie von ICESCO Islamic World Heritage dokumentiert. Kalif al-Nasir li-Din Allah, der von 1180 bis 1225 n. Chr. herrschte, verstärkte die Tore später und versah sie mit monumentalen Inschriften und Steinmetzarbeiten.
Historische Berichte, zusammengefasst in Wikipedias Eintrag über die Tore von Bagdad, beschreiben vier Haupttore entlang des östlichen Mauerrings:
- Bab al-Mu'adham. Das Nordtor stand nahe Adhamiyah und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts abgetragen, um Straßen zu verbreitern.
- Bab al-Sharqi. Das Osttor markierte das südliche Ende der al-Rashid-Straße, diente nach 1917 als Kirche und wurde 1937 abgerissen.
- Bab al-Talsim. Das Talisman-Tor trug Drachenreliefs und wurde im März 1917 zerstört, als abziehende osmanische Truppen darin gelagerte Munition sprengten, um sie den britischen Streitkräften vorzuenthalten.
- Bab al-Wastani. Das Mittlere Tor lag zwischen dem nördlichen und dem südlichen Portal entlang der östlichen Mauer. Es überstand jede Belagerung und jede Abrisswelle und blieb als einziges mittelalterliches Stadttor Bagdads erhalten.

Militärarchitektur, Bastionsturm und das Grabensystem
Die abbasidischen Baumeister konzipierten Bab al-Wastani so, dass es Rammböcken, Mineuren und schwerem Geschossbeschuss standhielt. Dichter, gelblicher Backstein, der in dickem Gipsmörtel (lokal als juss bekannt) verlegt wurde, bildete den Kern der Mauern. Der Mörtel verlieh dem Mauerwerk ausreichend Elastizität, um Einschläge zu absorbieren, ohne zu zerbröckeln.
Eine massive zylindrische Bastion bildet das Herzstück des Komplexes. Baumaße in Wikipedias Eintrag zu Bab al-Wastani belegen, dass der Turm 14,5 Meter hoch ist und am Boden einen Umfang von rund 56 Metern aufweist.
Zu den wichtigsten Verteidigungselementen gehören:
- Gewinkelter Tordurchgang (Knicktor). Das Portal nutzt einen gekrümmten Militärzugang anstelle eines geraden Korridors. Angreifer, die das Außentor durchbrachen, mussten im Inneren der Bastion scharf rechtwinklig abbiegen, bevor sie das Innentor erreichten. Diese Bauweise brach den Schwung anstürmender Pferde und verhinderte, dass Rammböcke die Innentore direkt treffen konnten.
- Graben und Bogenbrücken. Ein tiefer Verteidigungsgraben (Khandaq) verlief außerhalb der Mauern und bezog Wasser aus nahegelegenen Kanälen. Bab al-Wastani besitzt noch zwei Ziegelbrücken über den Graben: Die nordwestliche Bogenbrücke führte zu einem drei Meter breiten Eingangsportal, während eine zweite, höhere Brücke im Südwesten das Tor mit dem Außenwall verband.
- Achteckige Innenkammer. Im Inneren des Rundturms befindet sich ein achteckiger Wachraum mit einer Ziegelkuppel. Die dort stationierten Verteidiger konnten durch schmale Schießscharten feuern und durch Bodenöffnungen Steine oder Wurfgeschosse auf Angreifer hinabwerfen.
- Verzierte Ziegelbänder und Löwenreliefs. Spätabbasidische Kunsthandwerker verzierten das Festungsmauerwerk. Die Nordfassade zeigt dekorative Ziegelbänder mit achtzackigen Sternen, arabesken geometrischen Mustern und floralen Schnitzereien. Steinreliefs mit einander gegenüberstehenden Löwen – ein uraltes mesopotamisches und abbasidisches Herrschaftssymbol – flankieren den Bogen des Hauptportals.

Von der mittelalterlichen Festung zum Waffenmuseum
Bab al-Wastani überstand nach dem Fall der Abbasiden Jahrhunderte kriegerischer Auseinandersetzungen. Als die mongolische Armee von Hülegü Khan Bagdad 1258 plünderte, hielt das Tor trotz weitgehender Zerstörung in Rusafa stand. Jahrhunderte später, während der osmanisch-safawidischen Kriege, nutzten osmanische Truppen den Turm als östliche Verteidigungsstellung. Sultan Murad IV. verstärkte das Mauerwerk nach der Einnahme der Stadt im Jahr 1638.
Im Jahr 1869 ordnete der osmanische Gouverneur Midhat Pascha an, die baufälligen Stadtmauern Bagdads abzutragen, um Platz für das Stadtwachstum zu schaffen und die Luftzirkulation zu verbessern. Arbeiter rissen kilometerlange Mauern ab und verwendeten die Ziegel für neue Verwaltungsgebäude, doch Bab al-Wastani und sein Turm blieben verschont.
Im 20. Jahrhundert restaurierte die irakische Antikendirektion das Denkmal. Ausgrabungsteams räumten Schutt aus dem Graben, reparierten beschädigtes Ziegelmauerwerk und verstärkten die Brückenbögen. Mehrere Jahrzehnte lang beherbergte die Kuppelkammer das Irakische Waffenmuseum (al-Mathaf al-Harbi), in dem Schwerter, Kettenhemden, Schilde und frühe Bronzekanonen ausgestellt waren, bevor die Sammlung in Magazine des Nationalmuseums verlegt wurde.

Bab al-Wastani heute besuchen
Bab al-Wastani liegt in Rusafa bei den geografischen Koordinaten 33.351802, 44.404063, wie im Reiseführer auf Real Journey Travels beschrieben. Das Tor befindet sich direkt hinter dem Mausoleum von Schihab ad-Din Umar al-Suhrawardi, dem Sufi-Gelehrten des 12. Jahrhunderts, und grenzt an den historischen al-Wardiyya-Friedhof.
Anreise und praktische Tipps
- Transport. Ein Taxi aus dem Zentrum von Bagdad, etwa von Karrada oder der Mutanabbi-Straße, benötigt je nach Verkehr 15 bis 25 Minuten. Nennen Sie dem Fahrer Bab al-Wastani nahe der Sheikh-Umar-Moschee. Fahrdienst-Apps wie Careem funktionieren in der Stadt zuverlässig.
- Zugang und Eintritt. Das Außentor steht im frei zugänglichen Straßenraum ohne Ticketschalter oder Eintrittsgebühren. Besucher können die Basis des Turms umrunden, das Grabenbett betrachten und die Brückenbögen von der Straße aus besichtigen. Das Innere bleibt verschlossen, sofern kein Zugang über die Antikenbehörde vereinbart wurde.
- Kleidung und Verhalten. Das Tor grenzt an aktive religiöse Schreine und den al-Wardiyya-Friedhof. Kleiden Sie sich zurückhaltend mit bedeckten Schultern und Beinen. Vermeiden Sie Lärm und richten Sie Kameras nicht auf Trauerzüge oder Betende an den Gräbern.
- Fotografie. Das Morgenlicht hebt die feinen Schatten an den Ziegelreliefs und Löwenskulpturen der Nordseite besonders schön hervor. Für eine Gesamtansicht, die mittelalterlichen Backstein mit dem modernen Verkehr der Hochstraße verbindet, bieten sich die Fußwege an der Überführung Muhammad al-Qassim an.
Quellen
- Wikipedia: Bab al-Wastani. https://en.wikipedia.org/wiki/Bab_al-Wastani (Zugriff im Mai 2024).
- Wikipedia: Gates of Baghdad. https://en.wikipedia.org/wiki/Gates_of_Baghdad (Zugriff im Mai 2024).
- ICESCO Islamic World Heritage: Al Bab Al-Wastani. https://iwh.icesco.org/al-bab-al-wastani/ (Zugriff im Mai 2024).
- Real Journey Travels: Bab Baghdad Al-Wastany: Baghdad’s Last Surviving Medieval Gate. https://www.realjourneytravels.com/places/bab-baghdad-al-wastany/ (Zugriff im Mai 2024).
❓Frequently Asked Questions
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Bab al-Wastani ist das einzige erhaltene mittelalterliche Stadttor Bagdads. Es wurde im 12. Jahrhundert während des Abbasiden-Kalifats erbaut und bewahrt originale Ziegelbefestigungen, einen zylindrischen Wehrturm, Grabenbrücken und einen gewinkelten Tordurchgang, der den Stadtteil Rusafa schützte.
Die Befestigungen von Ost-Bagdad wurden unter Kalif al-Mustazhir geplant und unter Kalif al-Mustarshid um 1121 n. Chr. errichtet. Kalif al-Nasir li-Din Allah verstärkte das Tor später und ließ um 1220 n. Chr. monumentale Inschriften anbringen.
Das Denkmal liegt im Bezirk Rusafa auf der Ostseite des Tigris nahe dem Viertel Sheikh Umar. Es steht hinter dem Mausoleum von Umar al-Suhrawardi neben der Hochstraße Muhammad al-Qassim.
Das Tor verfügt über einen 14,5 Meter hohen zylindrischen Ziegelbastionsturm, gewölbte Ziegelbrücken über einen alten Wehrgraben, einen achteckigen überkuppelten Wachraum und einen Knicktor-Eingang. Die Außenfassade zeigt dekorative Ziegelsternmuster und steinerne Löwenreliefs.
Andere Tore wurden durch Kriege oder Modernisierungen zerstört. Bab al-Talsim wurde 1917 von abziehenden osmanischen Truppen gesprengt, während Bab al-Mu'adham und Bab al-Sharqi Anfang des 20. Jahrhunderts für Straßenbauten abgerissen wurden. Bab al-Wastani wurde von der Denkmalbehörde erhalten und restauriert.
Ja, Touristen können die Außenanlage kostenlos besichtigen. Das Tor steht in einem frei zugänglichen Bereich in Rusafa. Wegen der angrenzenden Schreine und Gräber wird dezente Kleidung empfohlen.